Archive for September, 2006

Ikone des Computerzeitalters oder inszenierte Black-Box?

Im November 1945 präsentierte das Life-Magazine Vannevar Bushs High-Tech-Vision des Informationszeitalters

Das amerikanische Life-Magazine präsentierte seinen Lesern am 19. November 1945 die Abbildung einer futuristischen Apparatur, deren Aussehen an eine Jahrmarktsattraktion erinnerte. Bild Die hybride Mischung aus klobigem Mikrofilm-Lesegerät und archaischem Personal Computer gilt mittlerweile als zentrale Ikone des anbrechenden Informationszeitalters: die Öffentlichkeit erlebte die Epiphanie eines neuen Mediums, das allerdings erst mehr als dreißig Jahre später seine Inkarnation als gebrauchsfähige Hardware erleben sollte. Die Abbildung im Life-Magazine illustrierte einen Essay des Ingenieurs Vannevar Bush, der unter dem Titel As we may think bereits kurz zuvor in der Zeitschrift Atlantic Monthly erschienen war. Bush taufte seine universelle Wissens-Maschine „Memex“, eine Abkürzung für „Memory Extender“. Im populären Life-Magazine wurde „Memex“ zum nationalen Medienereignis und machte effektiv Geschichte. Den Historiographen von Silicon Valley gilt As we may think mittlerweile als „Magna Charta“ von Hypertext und World Wide Web. „Wo sich auch andere angeboten hätten, stellt man einen Ingenieur an den Ursprung“, kritisiert dagegen der Berliner Literaturwissenschaftler Stephan Porombka in seiner „Kritik eines digitalen Mythos“. Also alles nur eine der „Rhetorik des Beginns“ verpflichtete Konstruktion?
Mit Bush als Propheten besitzt die Gemeinde der Informatik-Enthusiasten auf jeden Fall einen äußerst ambivalenten Gründungsvater. In den Massenmedien war der wortkarge Pfeifenraucher bereits während des Krieges als ebenso kauziges wie geheimnisvolles Genie inszeniert worden. Bild Colliers Weekly präsentierte ihn Anfang 1942 vieldeutig als „the man who may win or lose the war“. Was Bush genau machte, wurde erst nach dem Krieg bekannt: Der Autor von As we may think war Leiter des geheimen „Manhattan-Project“ zum Bau der ersten Atombombe. Verschwörungstheoretiker nennen ihn nicht ganz zu unrecht in einem Atemzug mit dem „Smoking Man“ aus der Fernsehserie „X-Files“. Bush-Biograph Pascal Zachary zufolge kann der MIT-Absolvent nämlich auch als Erfinder des berühmt-berüchtigten militärisch-industriell-akademischen Komplexes gelten…

(Fortsetzung: taz-kultur vom 22. November 2005)

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