Mai 13, 2008 at 15:31
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“Die Zeit ist reif für RAF-Popstars”, schrieb das Lifestyle-Magazin Max zu Beginn des Jahrtausends, und präsentierte dazu Bilder einer Modestrecke, deren Retro-Schick sich an Presse-Fotografien aus der Zeit des deutschen Herbstes anlehnte. Damit stand nicht nur die Frage im Raum: “Ist Terror cool?”, sondern auch: gehören Pop und Gewalt, Pop und Terror zusammen!? Blickt man etwas genauer auf die Pop- und Mediengeschichte, ist die Antwort klar: Natürlich, und zwar schon von Anfang an. Die Verbindung ist allerdings in Vergessenheit geraten, und zwar nicht ganz zufällig zu dem Zeitpunkt, als die rebellische, oppositionelle Pop-Kultur (Pop I) zum Mainstream (Pop II) wurde. Umso interessanter, wenn sich popkulturelle Medien wie der Film auf die Suche nach der Gewalt-Vergangenheit der deutschen Linken machen. Denn dabei geht es natürlich auch um die Gewalt-Vergangenheit der Medien selbst. Gewalt ist nolens, volens immer ein Teil der Berichterstattung. Nicht umsonst fragte Raymond Williams schon Anfang der 70er Jahre (kurz nach dem Medienereignis München 1972): “Is terrorism becoming a spectator-sport!?” Doch wie kann sich ein popkulturelles Medium wie der (Spiel-)Film kritisch mit der medial codierten Gewalt-Geschichte auseinandersetzen? Antworten auf diese Frage finden sich in meinem aktuellen Aufsatz “Terror, Pop & Prada Meinhof. Zur popkulturellen Gedächtnisfunktion des deutschen Gegenwartkinos”, publiziert in der Zeitschrift SPIEL . Dort habe ich mich insbesondere mit zwei deutschen Kino-Streifen beschäftigt: “Die fetten Jahre sind vorbei” sowie “Was tun wenn’s brennt?“. Letzteres war damals eine rein rhetorische Frage. Die stereotype Antwort hieß: “Brennen lassen”.
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Mai 7, 2008 at 14:50
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Kaum ist die Radiosendung über Belgien verklungen, kommt schon der nächste Medien-Event von Warner&Würmann: der Sammelband “Im Pausenraum des Dritten Reiches. Zur Populärkultur im NS-Deutschland” ist endlich da! Der Begriff “Pausenraum” zielt auf die ambivalente Stellung der Pop-Kultur im NS: Kriminalroman, Artzroman, Musik, Kinofilme, Sportveranstaltungen waren einerseits der Ort für die “kleinen Fluchten” aus dem Alltag, andererseits aber in dieser Funktion oft auch vom System so gewollt, zumindest aber toleriert. Ohnehin konnte man aus der kulturindustriellen Massenproduktion mitten im 20. Jahrhundert ja gar nicht mehr aussteigen, es musste den Nazis vor allem darum gehen, sie zu beeinflussen. Die Cultural Studies betonen interessanterweise die Möglichkeiten der Medienkonsumenten, sich den Intentionen der Produzenten zu entziehen: z.B. bewusstes Falsch-Verstehen bzw. Gegen-den-Strich-lesen, manchmal ganz einfach auch die Ablehnung von Produkten, was sich z.B. an Verkaufszahlen ablesen läßt. Doch ging das auch im Dritten Reich? Hatte der Pausenraum subversive Ecken? Mehr dazu im Vorwort des Bandes, noch mehr in den 14 Beiträgen des Bandes: unter diesem Link ist er für (ähem!) 51 Euro, 35 Pfund oder 73 Dollar zu bestellen. Dafür kann man dann unter dem Titel “Elf Kameraden und ein Gedanke: Glauben an den Sieg” u.a. auch meinen Aufsatz zu den Funktionen des Fußballfilms im Dritten Reich lesen.
Das obige Bild steht übrigens auf dem Cover, es zeigt zwei “Arbeitsmaiden” bei der “Pausenlektüre” des Romans Die Sache mit Katja von 1942.
Carsten Würmann/Ansgar Warner (Hrsg.):
Im Pausenraum des Dritten Reiches
Zur Populärkultur im nationalsozialistischen Deutschland
Verlag Peter Lang, Bern 2008
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Mai 3, 2008 at 15:16
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Belgien wirkt auf manche Beobachter nach über 170 Jahren Existenz noch immer wie eine Laune des Zufalls. Doch die belgische Nation wird sich trotz Sprachenclinch und politischer Dauerkrise wohl kaum auflösen “wie eine Tablette Aspirin im Wasser”, wie es ein flämischer Nationalist vor kurzem prophezeite. Im Mutterland des Surrealismus scheint gerade die medial inszenierte Identitätskrise einen Grundpfeiler der “Belgitude” zu bilden.
In einem Land, das als unbeabsichtigte Folge einer Opernaufführung entstand, gehört selbst die mediale Inszenierung des Untergangs zur Normalität. Als Ende 2006 das wallonische Fernsehen die Abspaltung Flanderns in einer fiktiven Live-Reportage verkündete, schien das vielen Zuschauern trotz des Hinweises, das Folgende sei vielleicht keine Fiktion, nur allzu wahrscheinlich. Am Ende lieferte auch dieses Medienereignis den Belgiern nur einen weiteren Anlass, sich über Belgien gemeinsam uneinig zu sein.
Ein Feature von Ansgar Warner und Carsten Würmann.
Sendetermin: Deutschlandfunk, 6.5.2008, 19 Uhr 15
Übrigens: Die Musik zum Ende von Belgien (”Good Bye Belgium”) von der französischen Band “The Lord Henry Wattons” gibt’s auf myspace!!!
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Mai 3, 2008 at 14:42
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Der bundesdeutschen Mittelstands-Gesellschaft geht es ein bisschen so wie der DDR im Sommer 1989. Täglich kommen ihr Menschen abhanden. Die Richtung hat sich allerdings geändert: nicht mehr nach Westen, sondern nach unten, meistens jedenfalls. Wie es diesen Menschen so geht, kann man im offiziellen “Armuts- und Reichtumsbericht” der Bundesregierung nachschlagen. Mag man es investigativer, greift man zum Zeit-Magazin: “Günter Wallraff ist zurück”, lautete dort im vergangenen Sommer eine riesige Schlagzeile, gefolgt von einer Undercover-Reportage über prekäre Arbeitsverhältnisse in der Callcenter-Branche. Vielversprechend scheint auch die Lektüre von Autoren wie Clemens Meyer, dessen Texte zur “Literatur der neuen sozialen Härte” ausgerufen wurden. Die gefühlte deutsche Wirklichkeit hat sich spürbar verändert - der soziale Abstieg kann nun nicht nur jeden treffen, man verlässt sich schon fast darauf. Mit einem Sammelband zu “Ökonomien der Armut” trägt nun auch die Germanistik zum “social turn” der medialen Öffentlichkeit bei. Die Herausgeberin Elke Brüns will damit “das Soziale als Bezugssystem der Literatur und Kulturwissenschaften” wieder auf die Agenda setzen. Das ergibt nicht nur aufmerksamkeitsökonomisch Sinn. Es gab zwar Versuche, eine Sozialgeschichte der Literatur zu etablieren. Nur eine Literaturgeschichte der Armut gibt es noch nicht… [Mehr dazu in der taz vom19. April 2008]
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